Lernen im Erwachsenenalter - gibt es eine falsche Erinnerung?
Lernen im Erwachsenealter funktioniert einfach anders, weil wir im Unterricht nicht unbedingt in etwas Unbekanntes eingeführt werden, weil wir vielleicht schon Handlungswissen und Erfahrung zu einem Gebiet haben, viel mehr, als im Kindsalter. Es gibt also ein Erfahrungswissen, das nicht unbedingt mit dem Wissen aus dem Unterricht übereinstimmt. Ein einfaches Beispiel: Wir machen die Erfahrung, dass die Sonne auf und unter geht. Richtig ist aber, dass wir uns um die Erde drehen. Gut, wenn wir das Lernen können wir das wissen miteinander verknüpfen und es stimmt immernoch.
Heute jedoch habe ich aber eine äußerst bizare Erfahrung gemacht mit einer Sprache:
Ich lerne gerade Griechisch und komme von meinem ersten Griechischunterricht mit einem Griechen, der sehr gut Deutsch spricht. Mein Griechisch ist aber nicht ganz unbefleckt, weil ich zwei Jahre auf Zypern gelebt habe. Dort hatte ich anfangs Privatunterricht und später dann auch in der Gruppe, aber es war immer ein Unterricht auf Englisch und meine Lehrer, die ich hatte, waren auch nicht alle unbedingt ausgebildete Sprachwissenschaftler. Dann kommt noch hinzu, dass auf Zypern nicht Griechisch, sondern ein griechischer Dialekt gesprochen wird, so etwas vielleicht wie Schwyzerdütsch. Das Problem war, dass ich im Unterricht aber so eine Mischung aus richtigem Griechisch und Dialekt gelernt hab (die Lehrer waren ja alle Zyprioten und keine Griechen), gehört habe ich jedoch Dialekt im Alltag. Hinzu kommt auch noch, dass ich schon lange kein Unterricht mehr gehabt habe und dadurch auch einiges, was ich schon verstanden habe und konnte, an Vokabeln und Grammatik vergessen habe.
Ich habe keine Berührungsängste mit der Sprache mehr, also habe ich schon angefangen die Sprache mit meiner zypriotischen Familie zu sprechen. Es ist so eine Mischsprache aus Englisch und Zypriotisch. Die Wörter und Zeiten, die ich nicht weiß im Griechischen, ersetze ich durch englische. Das hängt damit zusammen, dass ich mir irgendwann überlegt habe, meine Vokabeln zu nutzen, weil ich möglichst schnell anfangen wollte zu sprechen. Das Verstehen habe ich von Anfang an versucht, ich habe es ja oft um mich herum gehört.
Ich spreche also manche griechische Sätze richtig und verstehe sehr viel, aber mache auch viele Fehler, nur hat mir das keiner gesagt, deswegen habe ich das falsch gelernt. ODER ich habe Dialekt gelernt und wusste nicht, dass das Dialekt ist. Beispielsweise habe ich immer “kein Problem” auf Griechisch gesagt für “gern geschehn”, aber das sagt man im Griechischen gar nicht, wie ich heute lernte. Ich bin total überrascht, dass das ein Fehler ist, weil mir nie jemand gesagt hat, dass das falsch ist. ODER auf Zypern sagt man das so und es ist nur im Griechischen falsch. Uff. Anstrengend.
Also worauf ich hinaus möchte ist, dass ich nicht weiß, was richtig und falsch ist.
Hinzu kommt, dass es im Griechischen auch mehrere Schreibweisen und Sprechweisen gibt, die gleichzeitig richtig sind. Es ist nicht wie im Deutschen, dass es ein Hochdeutsch gibt und Umgangssprache, sondern man schreibt auch so wie man spricht. Natürlich nicht alles, aber vieles. Das hat mich dann heute noch vollends ganz verwirrt, weil ich das aus keiner Sprache so kenne. Ich spreche ja auch Französisch und etwas Spanisch (was ich auch erst an der Uni angefangen habe) und dort ist das nicht so oder zumindest wenn, dann weiß ich das nicht.
Wie weiß ich denn jetzt was richtig und falsch ist von dem, was ich aufgeschnappt habe? Mein bisheriges Können steht mir teilweise im Weg, um etwas Neues zu lernen.
Meine Erinnerung an das Lernen einer neuen Sprache widerspricht dieser neuen Erfahrung. Jetzt stellt sich mir die Frage, ob meine Erinnerung an selbst Erlebtes falsch ist, oder ob ich eine neue Erfahrung mache!?